Mittwoch, 5. Juni 2013

buchauszug

Hier mal ein Buchauszug aus einem Buch, das ich mal anfing zu schreiben, aber bis dato noch unvollendet liegen ließ. Kritik/ Ideen/ Verbesserungsvorschläge willkommen


1.
Ich wache auf. Wo bin ich? Ich denke es nicht nur, sondern stelle mir die Frage laut: „ Wo bin ich?“ Eine sinnlose Frage. Als wüsste ich es nicht: Ich bin hier. Mitten im Leben. In meinem Alltag, mit allen Dingen, die zu mir, einer realen Existenz, gehören. Doch existiere ich denn wirklich? Wie und wodurch definiere ich mich?
Im Zimmer ist es dunkel. In der Dunkelheit fühle ich mich wohl, denn das Licht strapaziert meine Augen und nimmt mir die Sicht auf die Dinge. Ich liege in meinem Bett und lausche der Musik. Musik verleiht uns in der Welt, wo sich jeder in der Anonymität der Gesellschaft verliert ein melodramatisches Gefühl von Selbstverwirklichungsdrang und Geborgenheit. Ich habe keinen Lieblingsinterpreten, aber besonders gerne höre ich Werke von Ludovico Einaudi, Yann Tiersen und Sigur Rós. Ihre Kompositionen sind die beste Lösung für die Unordnung und Verwirrung in meinem Kopf. Sie vermitteln mir ein tiefgründiges Gefühl von Leichtigkeit, auf dem ich mich treiben lasse, in meine Gedanken versinke und den Rest um mich herum einfach ausblende. Keine Kriege, keine Kriese, keine Armut. Nichts. Nur ich existiere, für diesen Moment. Dann verstummt die Musik und die Welt knallt mit all ihrer Brutalität und ihren Problemen wieder in die Wirklichkeit hinein.
Ich stehe auf. Auf dem Sessel stapeln sich Unmengen von Klamotten, auf dem Schreibtisch Unmengen von Büchern und Papierkram. Ich suche mir meine Klamotten zusammen und mache mich allmählich fertig. Das Zimmer ist ein Abbild meines Innenlebens, beherrscht von der Verwirrung der Unordnung. An den Wänden hängen Poster und Bilder. Mitbringsel aus verschiedensten Ländern; Frankreich, Türkei, Italien, Kroatien etc.. Wenn ich auf meine Wand starre, schaue ich in die Ferne. In die Ferne wo das Unbekannte, der Sinn und das Ziel steckt. Der Blick in die Ferne gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Ja, ich bin frei! Ich schließe die Augen und denke einen Moment über diesen Umstand nach. Aber ich bin nicht imstande wirklich zu begreifen, was es bedeutet, frei zu sein. Ich öffne wieder die Augen und begreife, dass ich völlig allein bin. Allein in meinem dunklen, unordentlichen Zimmer, worin die Lavalampe auf dem Schreibtisch das lebendigste Etwas im Zimmer darstellt.
- Leben- Es gibt nichts Selteneres auf der Welt. Die meisten Menschen existieren nur. Ein Zitat von Oscar Wilde. Viele Menschen stehen jeden Tag auf, gehen zur Arbeit und das vierzig Jahre lang, ohne zu hinterfragen, wirklich zu leben und dann tritt man ab, auch wenn mal viel Kapital akkumuliert hat, aber ist das wirklich erstrebenswert? Ich zumindest möchte mein Leben nicht diesem determinierten Zwang hingeben. Lieber veröde ich in meinem Zimmer bei der  Suche nach einem Sinn, einer Bestimmung als dass ich mich diesem kapitalistischem System unterwerfe. Doch leider leben wir in einer hochkapitalistischen Gesellschaft. -Die Not ist groß.- Ich muss hier weg. Einfach ganz weit weg. Ich bin besessen von einer fiebrigen Sehnsucht. Ich will mehr vom Leben, suche nach etwas Greifbarem. Ich sehne mich nach Wirklichkeit, so als ob sie nicht da wäre. Aber ich kann nicht weg. Die gewohnten Bahnen meines Seins binden mich zu sehr an diese Stätte fest und hindern mich an meiner Selbstverwirklichung. Zu tief bin ich schon in diesem System verankert. Zu lange habe ich mich willenslos gezeigt und mich von der Lethargie der Selbstfindung treiben lassen. Ich brauche eine Denkpause.
Ich schwenke den Blink auf meine Pinnwand, die einst als Organisationshilfe für die Schule gedacht war, doch heute vollgespickt ist mit etlichen Fotos von Freunden und Momenten, die mir als Reminiszenz an vergangene, schöne Tage dienen. Erinnerungen sind das, was meinen Körper von Innen wärmt und mein Dasein vor der totalen Zerstörung verhindert. Wie der Mond, der uns in der Nacht vor völliger Dunkelheit bewahrt und uns gerade noch so viel Licht spendet um die Orientierung zu halten, sich sicher zu fühlen.
 Ich flüchte mich in diese Bilder und vergesse alles um mich herum. Die Welt verstummt für einen Moment. Alles steht still und verliert seine Substanz, seinen Sinn. Alles ist gleichgültig und bedeutungslos. Die Lavalampe fließt weiterhin. Sie stört das nicht. 


2.
Ich gehe raus. Und obwohl ich mich des ewigen Lamentierens nicht müde zeige, gehe ich meinen alltäglichen Weg zur Schule und verdränge meine Gedanken und Prinzipien in den Hintergrund. Wieder hat der Drang der Sozietät gesiegt und ich habe mich kampflos ihrer Ideologie gebeugt. Eine Tatsache, die ich immer wieder erschütternd feststellen muss. Was macht mich so schwach? Warum schaffe ich es nicht, mich von diesen Idealen zu lösen und meinen eigenen Prinzipien und Träumen nachzugehen. Ich habe Träume. Die Schule ist kein Fluch, aber auch kein Segen. Ich brauche diese Anstalt mit der Zielführung zur maximalen Vorbereitung für optimale Berufschancen nicht. Ich sehe im Leben einen anderen Sinn, als so viel Geld wie nur möglich zu akkumulieren. Ich will die Welt sehen, samt ihrer Geheimnisse und an Orte reisen, die vielleicht noch keiner vor mir gesehen hat. Ich möchte an den seltenen Blumen riechen, deren Düfte sich in mir ausbreiten wie das Gefühl einer frischen Windbrise an einem heißen Sommertag. Was ich mir wünsche ist Bewegung und nicht ein ruhiges, dahinfließendes Leben. Mich sehnt es nach Aufregungen und Gefahren, nach Selbstaufopferung um eines Gefühls willen. In mir ist ein Überschuss von Kraft, der in diesem stillen Leben keinen Raum zur Bestätigung findet.  Ich will alles sehen, meine Jugend ausschöpfen um nicht später einmal im gebrechlichen Zustand sagen zu müssen, dass ich dies und jenes noch hätte machen müssen. An meinem Sterbebett möchte ich es nicht bereuen, statt der Reise in die Ferne im Büro gesessen und mich durch die ganze Bürokratie abgerackert zuhaben, ohne dass diese mir einen besonderen geistigen Mehrwert versprochen hätte. An meinem Sterbebett will ich auf ein zufriedenes Leben zurückblicken können ohne irgendwelche Versäumnisse. Aber leider lebe ich nicht mein Leben. Ich setze die Prioritäten anderer vor meinen. Ich will niemanden enttäuschen. Ein Dogma, welches mich sterben lässt und mich zu einer leeren Hülse der Gesellschaft macht. Ich lebe nicht, ich existiere nur um den Schein zu erhalten.
An der Schule angelangt, beginnt der alltägliche Usus mit dem Eintreffen aller Schüler. Ich höre sie alle reden, über jegliche Themen schwadronieren. Sie lachen und ich lache mit. Ich höre ihnen aber nicht zu. Ich frage mich, was in den Köpfen dieser Leute so vorgeht. Tangieren sie diese Probleme gar nicht? Wie steht es um ihre innere Zerrissenheit? Ich weiß nicht und irgendwie sollte es mich auch nicht interessieren. Ich laufe weiter an ihnen vorbei und gehe zu meinen Freunden, die mir den Aufenthalt in der Schule noch am erträglichsten gestalten. Ohne sie wäre ich in der Schule komplett verloren, ein Einzelner im Dschungel voller Bäume und Hindernissen, gefangen und isoliert von der Außenwelt.
„Morgen Leute“, sagend, laufe ich ihnen mit einem leichten Grinsen zu.
„Moin“, schallt es mir in einem freundlichen Ton entgegen.  
An sich bin ich ein relativ stiller Mensch im Austausch mit anderen, aber ich unterhalte mich auch gerne, wenn jemand an einem Gespräch interessiert ist. Ein Gespräch lehne ich auch nur in seltenen Fällen ab, wenn das Gegenüber mir zum Beispiel zu bieder und antipathisch erscheint. Ansonsten gehe ich in der Regel nicht oft auf fremde Leute zu um eine Konversation zu starten.  
Vielleicht kann man mich nicht gerade als durchschnittlich bezeichnen oder so, aber eigentlich bin ich ein grundanständiger Kerl. Es kümmert mich wenig, wie andere mich  empfinden oder was sie von mir halten. Das ist ein Problem, das nichts mit mir zu tun hat. Es ist vielmehr deren Problem, nicht meines.
Viel Nennenswertes gibt es von der Schule nicht zu berichten. Ich bin eben nur da, um da zu sein. Eine leere Hülle, die dahin geht, wo die Menschenflut sie hinschlägt. Zuhause angekommen, verfalle ich in die mir bekannte Muster zurück. Ich ziehe mir lockere Kleidung an, Shorts und T-shirt, lege mich ins Bett und mache Einaudis „Una Mattina“ an, um mich von der mentalen Folter zu erholen, die mir die Schule Tag für Tag zusetzt. Nach außen hin versuche ich immer einen relativ guten Eindruck zu hinterlassen. Ich möchte andere Leute einfach nicht mit meinen persönlichen Problemen belasten. Mein Innenleben kennt keiner. Nur ich kenne es. Aber wenn ich über mich selbst nachdenke, gerate ich manchmal leicht in Verwirrung. Immer wieder stolpere ich über das Paradox der uralten Frage „Wer bin ich?“. Sicher gibt es keinen anderen Menschen auf der Welt, der über so viele Informationen über mich verfügt wie ich, der mehr über mich erzählen könnte als ich. Aber wenn ich von mir erzähle, kommt es unweigerlich dazu, dass ich als Erzähler durch verschiedene Faktoren, wie meine Wertvorstellungen, meine emotionalen Eigenarten und meine Perspektive als Beobachter, mein erzähltes Ich beeinflusse und beschneide. In welchem Maß entspricht mein von mir erzähltes Ich überhaupt noch den Fakten? Erzähle ich die Dinge überhaupt noch aus meiner Sicht? Bin ich überhaupt die Person, die ich denke, die ich bin oder habe ich ein verzerrtes Bild von meiner eigenen Person? Diese Fragen haben mich schon immer beschäftigt. Aber interessiert es denn überhaupt wer wir sind? Letztendlich sind wir Menschen alle nur ein Mittel zum Zweck um das System am Laufen zu halten. Wir sind Roboter aus Fleisch und Blut. Ersetzbar. Wertlos. Wenn wir am Leben sind, unterscheidet uns vieles, aber tot sind wir alle gleich; Nutzlos gewordene Hülsen. Das Zielprodukt des Systems um verschiedene Arbeiten und Pflichten täglich gefühllos und mechanisch auszuführen.
Eines Tages nach der Schule ging ich, das hatte ich schon am Abend des Vortags so geplant, in die Stadt. Es war ein regnerischer Tag. Ich schlenderte durch die Gegend, sah die Leute im Gedränge ihrer Kaufsucht. Sah sie lachen. Ziellos irrte ich umher, bis plötzlich eine alte Dame auf mich zukam. Sie war vom Regen total durchnässt und leicht am zittern. Sie war ganz in schwarz gekleidet; Schwarzes Gewand, schwarzer Rock, schwarzes Kopftuch. Nur ihr Gesicht und ihre Hände waren zu erkennen. Sie konnte sich nicht gut artikulieren, aber das brauchte sie auch nicht, da ich sie auf Anhieb verstand: „Hunger, Essen“, sagte sie und kam mit ausgestreckter Hand mit der Hoffnung auf eine milde Gabe auf mich zu. Gedankenlos und leer wie ich war, ging ich an ihr vorbei, drehte mich nicht um und lief einfach weiter und weiter, bis ich dann plötzlich, ohne dass ich es geplant hatte stehen blieb. Etwas in mir hatte sich automatisiert, die Notbremse gezogen. Ein Moment der Klarheit überkam mich. Was habe ich da gerade getan? Einer alten gebrechlichen Frau, die total durchnässt im Regen stand und am zittern war ein paar Euros verwehrt, damit sie sich davon was zu essen kaufen kann? Habe ich das wirklich getan, bin das wirklich ich gewesen? Postwendend drehte ich mich im Antlitz meiner geistigen Klarheit um und griff in meine Hosentasche. Ich ging zu der alten Dame und überreichte ihr das bisschen Geld, das mir nicht weh tat, ihr aber von großem Wert war. Danach ging ich wieder im Mantel des Regenschauers fort, erschüttert von meiner Kaltherzigkeit, von meiner Gefühlslosigkeit und setzte mich auf die Bank, die  vor dem Eingang zur Bahnhofshalle stand. Ich saß alleine da. Ich weiß nicht, wie lange ich da saß, aber wenn man nur lange genug in den Regen sieht, ohne einen Gedanken im Kopf, spürt man wie der Körper sich löst, wie er die Realität abschüttelt. Regen besitzt eine hypnotische Wirkung. Es ist beinahe so gewesen, als ob es an diesem Tag nur für mich geregnet hätte. Nur für mich, um mir die Scham der Kaltherzigkeit mit der ich der alten Dame entgegnete von der Haut zu waschen. Mich von all meinen Problemen zu säubern.


3.
Am nächsten Tag zuhause angekommen ist wie gewohnt niemand  zu Hause. Meine Eltern sind auf der Arbeit und meine Schwester in der Uni. Sie alle leben ihre Lügen. Ihre einzige Triebkraft ist ihre Karrieregestaltung, eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, die absolut keinen Wert hat. Es ist eine absurde Pflicht. Geld und Macht sind alles Illusionen, die sich in die Köpfe der Zivilisation eingepflanzt haben wie eine Zecke, um sie geistig Bewusstlos zu machen und zu vergiften, sie zu Handlangern des Systems zu degradieren. Die Menschen müssen die Sichtweise auf die Dinge verändern. Sie müssen lernen, dass man nicht immer stark sein muss, sondern schon allein das Gefühl von Stärke Berge versetzen kann. Der Urzustand des menschlichen Seins muss wieder in ihren Köpfen Besitz einnehmen, um sie von den Drogen der globalen Welt und ihrer Abhängigkeit zu befreien. Menschen müssen erkennen, dass das Leben weitaus mehr zu bieten hat als nur materielle Besitztümer und Geld.
Die Welt dieser Leute befindet sich in einem derart befremdlichen Zustand, in dem ich mir wünsche sterben zu können. Es ist so als ob ich über den Dingen schweben würde und sehe, wie der Fluss seine Richtung ändert.
Mein Kopf überdreht sich jedes Mal wenn ich mir diese Tatsachen versinnbildliche. Zahlreiche Verbindungen scheinen ob dem diametralen Verhältnis von Realität und Wirklichkeit zu überlasten und zu überhitzen. Ich breche zusammen. Ich kann es nicht verstehen und vor meinen Augen wird’s schwarz. Die Welt zieht ihre Jalousien runter vor der Wahrheit. Ich lebe ein Leben im Schein und in der Lüge. Das System mit dem Gemeinschaftsszwang der Sozietät zieht mich in ihren Strom ein. Ihre Ideale kennen keine Gnade und jedes Fünkchen Bestrebung nach Wahrheit wird brutal niedergeschlagen. Du hast nur eines zu tun; Arbeite. Lebe nach unseren Normen, nach unseren Idealen. Geld oder du bist verloren.

Nach einem kurzen Rundlauf durchs Haus gehe ich in mein Zimmer. Das Zimmer hat einen Eingang und einen Ausgang. Sie sind nicht austauschbar. Durch den Eingang kann man nicht hinaus, durch den Ausgang nicht hinein. Das ist so festgelegt.
Gewohnt lasse ich mich auf meinem Bett nieder, welches schon bei dem kleinsten Anzeichen von Berührung ein Orchester des Quietschens feiert. Kurzdarauf gehe ich auf die Toilette. Nachdem ich mich erleichtert habe, stehe ich vor dem Waschbecken und wasche mir die Hände. Ich hebe den Kopf hoch und schaue in den Badezimmerspiegel. Das da also bin ich. Das bist du. Du hast dich selbst ruiniert. Du hast dich weit mehr strapaziert, als du glaubst.
Ich wirkte in der Tat etwas kaputter und älter als sonst. Ich wasche mir im Anblick meines miserablen Zustandes gründlich das Gesicht und reibe es mit einer Lotion ein. Ebenso gründlich schrubbe ich nochmal meine Hände, nehme ein frisches Handtuch und trockne mich ab. Anschließend gehe ich in die Küche, trinke ein Bier und räume dabei den Kühlschrank auf. Mir war irgendwie danach. Schmeiße verschrumpelte Tomaten weg, stelle die Bierdosen ordentlich nebeneinander, die Behälter um und mache eine Einkaufsliste für Besorgungen die demnächst erledigt werden müssen. Milch war z.B. wieder alle.
Nachdem ich dies erledigt habe, räume ich mein Zimmer auf, das mittlerweile einer Katastrophe gleicht. Ich habe nichts gegen diese Unordnung, nein, viel mehr fühle ich mich darin wohl. Allerdings bekomme ich heute Besuch von einer Freundin, die ich mag. Dieses Gefühl ihr gegenüber übersteigt jedoch ein freundschaftliches Verhältnis, zumindest von meiner Seite aus. Wie sie das sieht, nun ja, danach habe ich nie gefragt. Neben den Problemen mit dem System, sowie der Frage nach dem Lebenssinn und dem damit einhergehenden Problem meiner inneren Zerrissenheit beschäftigt mich ein anderes, banaleres Problem immens. Und zwar ist es meine Einsamkeit und meine zwiespältige Haltung ihr gegenüber. Es ist toll, wenn man eine Person hat, der man alles anvertrauen kann, mit der man gemeinsam lachen und sich austauschen kann, einfach zusammen glücklich sein kann. Aber Glück ist in dieser Welt zu einer seltenen Saat verkommen, deren Präsens nur von kurzer Dauer ist und das Risiko nun mal rational betrachtet schlichtweg nicht wert ist.
Mit einer Beziehung gehen auch Pflichten einher, von denen ich mich eigentlich aus meiner natürlichen Grundhaltung und meinen Prinzipien heraus lösen wollte, frei sein wollte. Ich will mich nicht binden, aber will auch das Glück finden. Ich weiß einfach nicht, was ich will und erst recht weiß ich nicht, wohin ich mich wenden soll. Wenn ich weiterhin alleine bleibe, bin ich verloren. Warum müssen die Menschen überhaupt so einsam sein? Wozu soll das gut sein? Stets sind wir auf der Suche nach der Nähe der anderen und dennoch sind wir allein. Wozu? Dreht sich der Planet nur, um die Einsamkeit des Menschen zu nähren? Ich weiß es einfach nicht. Ich habe versucht zu reden, mein Problem mitzuteilen, diese Trauer und Verwirrung in Worte zu fassen. Doch wie viele Worte ich auch fand ich konnte mich niemandem mitteilen, nicht einmal mir selbst, sodass ich es am Ende aufgab. Ich schloss meine Sprache und ich schloss mein Herz. Tiefe Trauer findet nicht einmal mehr Tränen. Und so kam es, dass ich sie, Sophia, nie danach gefragt und meine Gefühle ihr gegenüber offenbart habe.

Meine Klamotten packe ich feingefaltet in meinen Schrank und die Bücher stelle ich alle wieder geordnet ins Bücherregal, so wie es eigentlich sein sollte. Ich räume das Bett auf, sauge den Boden, entleere den Papierkorb. Nachdem ich damit fertig bin, gehe ich in die Küche und bereite was zu essen zu. Meine Eltern werden bis heute Abend sowieso nicht mehr wiederkommen und meine Schwester übernachtet bei einer Freundin, weswegen ich mir sowieso was zu essen machen müsste. Ich hatte mir überlegt Spaghetti Carbonara zuzubereiten, eine einfache, aber dennoch sehr schmackhafte Speise. Ich habe mich für eine reduzierte Variante des Gerichts entschieden, da ich auf den Fettgehalt meiner Nahrung achte und eher fettfrei esse.
Zunächst nehme ich die Spaghetti und koche diese in einem Topf mit heißem Wasser und einer Prise Salz al dente. Während die Spaghetti kochen, schneide ich den Rinderschinken in kleine Stücke und hacke die Zwiebel ebenfalls in kleine Stücke. Beides wird nun in einer beschichteten Pfanne angebraten, die ich in der geordneten Küche von meinen Eltern auf Anhieb finde. Auf Grund der Beschichtung der Pfanne kann ich das Öl weglassen. Jetzt muss nur noch der Parmesan in eine Schüssel gerieben und das Ei getrennt werden, da es gleich sehr schnell gehen muss. Sobald die Nudeln al dente sind, gieße ich diese ab und gebe sie, ohne sie vorher abzuschrecken, in die heiße Pfanne. Hier werden sie mit dem Schinken vermischt und die Pfanne abschließend vom Herd genommen. Jetzt muss ich nur noch das Parmesan und das Eigelb darüber geben und kurz vermengen, sowie noch etwas mit Pfeffer und Petersilie würzen. Fertig ist das Gericht.
Es war jetzt drei Uhr Mittag und um vier wollte Sophia kommen. Genug Zeit um noch eine Dusche zu nehmen. Nachdem ich mich meiner Klamotten entledigt habe, steige ich in die Dusche. Als ich fertig bin, trockne ich mich mit dem Duschtuch ab, ziehe mir eine Jeans und ein T-Shirt mit einem weiten round-neck Ausschnitt an, welches ich mir selbst geschnitten habe. Das T-Shirt war im Laden stark reduziert, weswegen ich es mir auch, obwohl es mir sicher drei Nummern zu groß kam, gekauft habe. Also nahm ich die Schere in die Hand und habe das T-Shirt kürzer geschnitten. Nun sitzt es zwar etwas lockerer, aber genau das mag ich. In engen T-Shirts komme ich mir vor wie ein Mann im Käfig.



4.
Es war jetzt viertel vor Vier. Ich hatte länger unter der Dusche verbracht, als ursprünglich geplant. Unter der Dusche verliere ich immer jegliches Zeitgefühl, als wenn ich in eine andere Welt eintauche, die mit dieser Welt nichts zu tun hat. Die Haare konnte ich nun vergessen. Ist allerdings auch nicht weiter tragisch, dann setz ich mir eben den Beanie auf.  Fast zeitgleich mit dem Aufsetzen der Mütze schellte es an der Tür. Noch bevor der Klang der Klingel vollkommen erlischt, stehe ich schon unten vor der Tür und öffne sie. Es war Sophia, wie erwartet. Wer sollte es auch sonst gewesen sein? Schließlich leben wir  in einem Land, wo niemand unangemeldet vor der Tür steht, bevor er nicht im Vorfeld sein Kommen durch Briefzustellungen oder Anrufe mindestens drei Wochen vorher vorangekündigt hat.  Unwichtig.
„Hallo Sophia“, sage ich und bitte sie reinzukommen.
„Hi Chris“, sagt sie und fügt beiläufig noch im selben Atemzug hinzu: „ Hast du schon die neusten Neuigkeiten gehört?“
Es war genau diese Art von Sophia, zu der ich eine besondere Affinität entwickelt hatte. Sie redet nicht gerne um die Dinge herum sondern stößt direkt zum Thema. Unter anderem ist es genau dieses Charakteristikum, das  den meisten Menschen über die Jahre hinweg abhanden gekommen ist. Jedenfalls hatte ich die Tage leider keine Nachrichten gucken können und wusste nicht worauf Sophia abzuzielen vermochte. Ich konnte es auch nicht irgendwie herleiten oder vage Vermutungen anstellen.
„Nein, habe die Tage leider wenig Fern geguckt und die Presse, sowohl Print, als auch im Netz habe ich ziemlich vernachlässigt. Was gibt es denn zu erzählen?“
Ohne, dass ich es bemerkt hatte, hatte sich Sophia bereits schon in den Räumlichkeiten eingefunden und ihrer Jacke entledigt die sie nun in den Händen hielt.
 „Schmeiß die Jacke einfach irgendwohin. Solange ich hier alleine Zuhause bin,  wird das in diesem Haushalt nicht so genaugenommen.“
Schmunzelnd schmeißt sie ihre Jacke auf den grünen Vintage-Sessel der im Flur stand. Meine Eltern hatten ihn dahingestellt, vermutlich aus Bequemlichkeitsgründen um sich die Schuhe im Sitzen besser anzuziehen. Aber wer weiß das schon.
„Hast du Hunger? Ich habe Spaghetti Carbonara gekocht und dachte wir essen was zusammen.“
„Ehrlich gesagt habe ich heute noch nichts gegessen und bin schon ein wenig hungrig“, sagte sie und  rundete ihre Aussage mit einem ihr typischen Lächeln ab.“
Als wir in der Küche sind mache ich uns beiden zwei Teller fertig und stelle sie auf den Tisch. Aus dem Kühlschrank hole ich mir eine Dose Bier.
 „Was willst du trinken Sophia? Wir haben Cola, Bier, Orangensaft und normales Mineralwasser im Kühlschrank. Freie Wahl.“ 
„Ich nehme das, was du nimmst. Überrasch mich einfach“ antwortete sie.
Ich nehme also eine weitere Bierdose aus dem Kühlschrank und stelle beide auf den Tisch, wo Sophia schon Platz genommen hatte. Mit erstaunlicher Geschicklichkeit entferne ich die Dosenverschlüsse, gieße uns und ein und nehme einen genussvollen Schluck.
 „Was gibt es denn so dringendes zu erzählen, dass du direkt schon so stürmisch danach fragst?“
„Nun ja, eigentlich ist es nicht so dringend, nur hatte ich mir auf den Weg hierher so meine Gedanken darüber gemacht und mich etwas darüber echauffiert. Während der Busfahrt saß ich neben einem Mann der eine Zeitung las und habe dann natürlich auch einige Blicke auf die Neuigkeiten erhaschen können.  Es wird z.B wieder ein junges Mädchen vermisst. Das häuft sich schon die letzten Wochen. Egal. Wollte dir eigentlich nur sagen, dass der Friedensnobelpreis 2012 an die Europäische Union geht, da ich ja weiß, wie dich solche Themen interessieren.“
Ich musste erst mal ein wenig inne halten um die Information richtig verarbeiten zu können: „ Na, das sind ja tolle Neuigkeiten. Was kommt als nächstes? Griechenland mit dem Wirtschaftsnobelpreis? Das können die mir nicht verkaufen.“
Die Augen auf mich fixiert, isst Sophia die Spaghetti  und antwortet mir während sie noch halb am Kauen ist: „Nun ja, ich find die Meldung jetzt auch nicht so toll. Schließlich gibt es auf der Welt genug andere Menschen, die tagtäglich ihr Leben für Frieden, Freiheit und Demokratie riskieren. Da hätte man sicher jemand anderen finden können, der es wirklich verdient hätte.“
„Absolut richtig. Die EU ist sowieso ein undemokratisches, auf totale Kontrolle seiner Bürger ausgelegtes, zentralistisches Bürokratiemonstrum, dem man als rational denkender Mensch nur skeptisch gegenüber stehen kann. Im Vergleich dazu geht Obama als Mahatma Gandhis narkotisierter Pudel durch. Und von Kissinger mal ganz zu Schweigen. Die Propagandamaschine läuft auf Hochtouren, schamloser geht’s nun wirklich nicht mehr. Da werden nun wirklich die schwersten Geschütze der Gehirnwäsche aufgefahren, damit das Volk friedensbewegt auch ganz brav die Füße still hält. Das System muss ja erhalten bleiben und dem Volk überreicht man nun ob der aktuellen Krise eine neue Dosis Opium.“
„Du siehst die Dinge immer so düster Chris“, sagt sie mit einem mahnenden Unterton und fügt hinzu: „ Ich meine ich finde die Wahl auch nicht vollends zufriedenstellend, da sie eben eine gewisse Transparenz vermissen lässt. Aber du holst immer so weit raus und siehst in allem einen Angriff auf das menschliche Sein. Klar werden wir von vielen Seiten drastisch in unserem Tun beeinflusst, aber wir sind noch lange genug Herr über unsere Sinne. Da haben wir unsere Entscheidungsfreiheit, man muss sie sich nur nehmen. Weißt du, wenn wir zugeben, dass das menschliche Leben vom Verstand gelenkt werden kann, dann zerstören wir die Möglichkeit zu Leben. Denk einfach nicht immer so viel nach, Chris.“
Einige Sekunden Stille. Ich ließ die Worte erst einmal auf mich wirken, bevor ich antwortete, vor Allem die letzteren Sätze hatten mich zum Grübeln gebracht.
„Nun, womöglich hast du vielleicht gar nicht mal so unrecht. Ich denke dieses düstere Denken, wie du es nennst, ist tief in meiner Natur verankert. Du musst wissen, dass ich tagelang meinen Kopf über ein einziges Thema zerbreche und es gedanklich in all seine Bestandteile, Möglichkeiten und Hintergründe durchkaue. Ich will kein Thema auf seiner scheinbaren Wahrheit belassen. Denn die Vergangenheit hat oft genug gezeigt, dass düstere Vorahnungen immer eine höhere Trefferquote hatten als gute. Da kann man solche Meldungen nicht auf der ersten Metaebene auffassen und naiv durch die Weltgeschichte spazieren. Ich hoffe ich konterkariere damit nicht dein Denken.“
Sophia, in ihre Spaghetti Carbonara vertieft, schien mir wohl gar nicht mehr oder wenn überhaupt, nur selektiv Gehör zu schenken. Ich lenke das Thema ab und stelle zum vorigen Thema eine verhältnismäßig eher plumpe Frage: „ Und schmeckt dir meine Spaghetti Carbonara? Habe ich nach eigenem Rezept gekocht.“
An einer Spaghetti ziehend, sag sie: „ Ja, sehr! Kochen scheint dir sehr gut zu liegen. Können auch sehr gerne zusammen was kochen, ich bin selber nämlich eine leidenschaftliche Köchin. Kannst ja mal die Tage vorbeischauen, meine Eltern sind verreist.“
„Sehr gerne. Ich koche auch ziemlich oft, bin aber auch unter anderem dazu gezwungen, weil meine Eltern lange arbeiten. Sie lassen mir zwar immer etwas Geld hier, damit ich mir was davon kaufen kann, aber ich stehe nicht unbedingt auf den Fraß von Draußen. Da bin ich schon eher spartanischer und mache mir meine eigene Kost.“
Kurzes Gelächter. Danach sagen wir lange nichts mehr und essen unsere Carbonara auf.
Nachdem wir aufgegessen haben, gehen wir hoch in mein Zimmer. Sophia drängte allerdings noch  darauf, erst mal den Abwasch zu machen, da man dreckiges Geschirr nicht einfach rumliegen lassen soll, weil es angeblich schlechtes Karma ins Haus bringt.
„Wer so viel schlechtes Karma wie ich gesammelt hat, der braucht sich um das bisschen schlechtes Karma wegen dem bisschen Geschirr nun wahrlich keinen Kopf zu machen“, sagte ich und erstickte jegliche weitere Diskussion ums Geschirr im Keim.
Ein wenig trotzig eilte Sophia mir mit schnellen Schritten nach und im Zimmer angekommen bemerkte sie die für meine Verhältnisse exorbitante Ordnung an: „ Sag mal, du hast doch nicht extra wegen mir aufgeräumt oder? Das hättest du nun wirklich nicht machen müssen.“
„Nun ja, ich dachte es ist für einen Gast doch angenehmer in ein geordnetes Territorium zu kommen. Außerdem war es sowieso mal bitter nötig.“
„Schön hast du’s hier.“
„Wenn ich in meinem Zimmer bin, mache ich für gewöhnlich immer erst einmal Musik an. Musik füllt den Raum mit tollen Schwingungen und positiven Energien. Würde es dir was aus machen?“
„Nein gar nicht. Für Musik brauchst du dir echt keine Genehmigung von mir zu holen.“
Ich mache Ludovico Einaudis Album an und wir beide setzen uns aufs Bett. Lange verweilen wir so und lauschen Einaudis „Ancora“, einer meiner Lieblingswerke von ihm. Sophia hat ihre Augen geschlossen und schwingt, in Gedanken vertieft, leicht ihren Kopf in rhythmischen Bewegungen zur Musik.
„Wenn ich der Musik lausche, dann schließe ich auch oft meine Augen. Es gibt dann einfach nichts, was einen belastet, die wunderbare Qualität der Musik torpediert und sie vor der völligen, wahren Entfaltung ihrer Magie hindert. Wenn du die Augen geschlossen hältst, dann bist du im Stand-by-Modus; In einer Zwischenwelt die sich von dieser grauenhaften Welt emanzipiert hat. Nur du existierst und fliegst sorglos auf den Klängen der Musik umher.“
„Da ist was dran. Wunderbare Musik.“
Ohne irgendwelche Vorzeichen oder Signale legt sich Sophia auf mich und drückt mir ihre Lippen auf meinige. Ich bin zunächst ganz perplex und erwidere nichts, doch nachdem ich wieder meine Sinne beisammen habe, lege ich meine Hände um ihr zartes Gesicht und die Dinge nehmen ihren Lauf...
Nachdem wir dann eine Weile noch im Bett rumlagen bemerkte ich, dass sie in meinen Armen eingeschlummert war. Ich konnte nicht schlafen. In meinem Körper  war nicht ein Quäntchen Müdigkeit. Hellwach lag ich da, wie ein versiegter Brunnen. Ich hielt Sophia eng umschlungen und schlief, ohne es zu bemerken, dann doch irgendwann ein. Die Müdigkeit überkam mich unerwartet plötzlich und gewaltig wie eine große Lawine.
Als wir aufwachen ist es  kurz nach Acht und die Nachtdämmerung bricht allmählich herein. Ich begleite sie noch zur Tür und gebe ihr die Jacke, die sie auf den Sessel geschmissen hatte.
„Weißt du, ich…“, doch bevor ich irgendetwas sagen kann, unterbricht sie mich: „ Du brauchst nichts zu sagen. Danke für den schönen Tag. Und vergiss nicht, du kommst die Tage noch zu mir rüber um gemeinsam zu kochen. Dass du mir das bloß nicht vergisst.“
„Ich werde mich drum bemühen“, sagte ich schmunzelnd und mit leichtem Zwinkern.
„Ahja, eins noch: Sei nicht immer so ein Miesepeter. Das, was vor uns liegt kann gestaltet werden. Es ist nicht unser unabänderliches Schicksal. Vergiss das nie.“

Und wie ihre Worte mich empfangen, verschwand sie auch schon. Ich weiß nicht wie ich das alles einordnen soll und laufe wieder nach oben in mein Zimmer und lege mich ins Bett für ein weiteres kleines Schläfchen. Mich hatte eine größere Müdigkeit erfasst. 

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