Hier mal ein Buchauszug aus einem Buch, das ich mal anfing zu schreiben, aber bis dato noch unvollendet liegen ließ. Kritik/ Ideen/ Verbesserungsvorschläge willkommen
1.
Ich wache auf. Wo bin ich? Ich denke es nicht nur, sondern
stelle mir die Frage laut: „ Wo bin ich?“ Eine sinnlose Frage. Als wüsste ich
es nicht: Ich bin hier. Mitten im Leben. In meinem Alltag, mit allen Dingen,
die zu mir, einer realen Existenz, gehören. Doch existiere ich denn wirklich?
Wie und wodurch definiere ich mich?
Im Zimmer ist es dunkel. In der Dunkelheit fühle ich mich
wohl, denn das Licht strapaziert meine Augen und nimmt mir die Sicht auf die
Dinge. Ich liege in meinem Bett und lausche der Musik. Musik verleiht uns in
der Welt, wo sich jeder in der Anonymität der Gesellschaft verliert ein
melodramatisches Gefühl von Selbstverwirklichungsdrang und Geborgenheit. Ich
habe keinen Lieblingsinterpreten, aber besonders gerne höre ich Werke von
Ludovico Einaudi, Yann Tiersen und Sigur Rós. Ihre Kompositionen sind die beste
Lösung für die Unordnung und Verwirrung in meinem Kopf. Sie vermitteln mir ein
tiefgründiges Gefühl von Leichtigkeit, auf dem ich mich treiben lasse, in meine
Gedanken versinke und den Rest um mich herum einfach ausblende. Keine Kriege,
keine Kriese, keine Armut. Nichts. Nur ich existiere, für diesen Moment. Dann
verstummt die Musik und die Welt knallt mit all ihrer Brutalität und ihren Problemen
wieder in die Wirklichkeit hinein.
Ich stehe auf. Auf dem Sessel stapeln sich Unmengen von
Klamotten, auf dem Schreibtisch Unmengen von Büchern und Papierkram. Ich suche
mir meine Klamotten zusammen und mache mich allmählich fertig. Das Zimmer ist ein
Abbild meines Innenlebens, beherrscht von der Verwirrung der Unordnung. An den Wänden
hängen Poster und Bilder. Mitbringsel aus verschiedensten Ländern; Frankreich,
Türkei, Italien, Kroatien etc.. Wenn ich auf meine Wand starre, schaue ich in
die Ferne. In die Ferne wo das Unbekannte, der Sinn und das Ziel steckt. Der
Blick in die Ferne gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Ja, ich bin frei! Ich
schließe die Augen und denke einen Moment über diesen Umstand nach. Aber ich
bin nicht imstande wirklich zu begreifen, was es bedeutet, frei zu sein. Ich
öffne wieder die Augen und begreife, dass ich völlig allein bin. Allein in
meinem dunklen, unordentlichen Zimmer, worin die Lavalampe auf dem Schreibtisch
das lebendigste Etwas im Zimmer darstellt.
- Leben- Es gibt nichts Selteneres auf der Welt. Die meisten
Menschen existieren nur. Ein Zitat von Oscar Wilde. Viele Menschen stehen jeden
Tag auf, gehen zur Arbeit und das vierzig Jahre lang, ohne zu hinterfragen,
wirklich zu leben und dann tritt man ab, auch wenn mal viel Kapital akkumuliert
hat, aber ist das wirklich erstrebenswert? Ich zumindest möchte mein Leben
nicht diesem determinierten Zwang hingeben. Lieber veröde ich in meinem Zimmer
bei der Suche nach einem Sinn, einer
Bestimmung als dass ich mich diesem kapitalistischem System unterwerfe. Doch
leider leben wir in einer hochkapitalistischen Gesellschaft. -Die Not ist groß.-
Ich muss hier weg. Einfach ganz weit weg. Ich bin besessen von einer fiebrigen
Sehnsucht. Ich will mehr vom Leben, suche nach etwas Greifbarem. Ich sehne mich
nach Wirklichkeit, so als ob sie nicht da wäre. Aber ich kann nicht weg. Die
gewohnten Bahnen meines Seins binden mich zu sehr an diese Stätte fest und
hindern mich an meiner Selbstverwirklichung. Zu tief bin ich schon in diesem
System verankert. Zu lange habe ich mich willenslos gezeigt und mich von der
Lethargie der Selbstfindung treiben lassen. Ich brauche eine Denkpause.
Ich schwenke den Blink auf meine Pinnwand, die einst als
Organisationshilfe für die Schule gedacht war, doch heute vollgespickt ist mit
etlichen Fotos von Freunden und Momenten, die mir als Reminiszenz an vergangene,
schöne Tage dienen. Erinnerungen sind das, was meinen Körper von Innen wärmt
und mein Dasein vor der totalen Zerstörung verhindert. Wie der Mond, der uns in
der Nacht vor völliger Dunkelheit bewahrt und uns gerade noch so viel Licht
spendet um die Orientierung zu halten, sich sicher zu fühlen.
Ich flüchte mich in
diese Bilder und vergesse alles um mich herum. Die Welt verstummt für einen
Moment. Alles steht still und verliert seine Substanz, seinen Sinn. Alles ist
gleichgültig und bedeutungslos. Die Lavalampe fließt weiterhin. Sie stört das
nicht.
2.
Ich gehe raus. Und obwohl ich mich des ewigen Lamentierens
nicht müde zeige, gehe ich meinen alltäglichen Weg zur Schule und verdränge
meine Gedanken und Prinzipien in den Hintergrund. Wieder hat der Drang der
Sozietät gesiegt und ich habe mich kampflos ihrer Ideologie gebeugt. Eine
Tatsache, die ich immer wieder erschütternd feststellen muss. Was macht mich so
schwach? Warum schaffe ich es nicht, mich von diesen Idealen zu lösen und
meinen eigenen Prinzipien und Träumen nachzugehen. Ich habe Träume. Die Schule
ist kein Fluch, aber auch kein Segen. Ich brauche diese Anstalt mit der
Zielführung zur maximalen Vorbereitung für optimale Berufschancen nicht. Ich
sehe im Leben einen anderen Sinn, als so viel Geld wie nur möglich zu
akkumulieren. Ich will die Welt sehen, samt ihrer Geheimnisse und an Orte
reisen, die vielleicht noch keiner vor mir gesehen hat. Ich möchte an den
seltenen Blumen riechen, deren Düfte sich in mir ausbreiten wie das Gefühl einer
frischen Windbrise an einem heißen Sommertag. Was ich mir wünsche ist Bewegung
und nicht ein ruhiges, dahinfließendes Leben. Mich sehnt es nach Aufregungen
und Gefahren, nach Selbstaufopferung um eines Gefühls willen. In mir ist ein
Überschuss von Kraft, der in diesem stillen Leben keinen Raum zur Bestätigung
findet. Ich will alles sehen, meine
Jugend ausschöpfen um nicht später einmal im gebrechlichen Zustand sagen zu
müssen, dass ich dies und jenes noch hätte machen müssen. An meinem Sterbebett
möchte ich es nicht bereuen, statt der Reise in die Ferne im Büro gesessen und
mich durch die ganze Bürokratie abgerackert zuhaben, ohne dass diese mir einen
besonderen geistigen Mehrwert versprochen hätte. An meinem Sterbebett will ich
auf ein zufriedenes Leben zurückblicken können ohne irgendwelche Versäumnisse.
Aber leider lebe ich nicht mein Leben. Ich setze die Prioritäten anderer vor meinen.
Ich will niemanden enttäuschen. Ein Dogma, welches mich sterben lässt und mich
zu einer leeren Hülse der Gesellschaft macht. Ich lebe nicht, ich existiere nur
um den Schein zu erhalten.
An der Schule angelangt, beginnt der alltägliche Usus mit
dem Eintreffen aller Schüler. Ich höre sie alle reden, über jegliche Themen
schwadronieren. Sie lachen und ich lache mit. Ich höre ihnen aber nicht zu. Ich
frage mich, was in den Köpfen dieser Leute so vorgeht. Tangieren sie diese
Probleme gar nicht? Wie steht es um ihre innere Zerrissenheit? Ich weiß nicht
und irgendwie sollte es mich auch nicht interessieren. Ich laufe weiter an
ihnen vorbei und gehe zu meinen Freunden, die mir den Aufenthalt in der Schule
noch am erträglichsten gestalten. Ohne sie wäre ich in der Schule komplett
verloren, ein Einzelner im Dschungel voller Bäume und Hindernissen, gefangen
und isoliert von der Außenwelt.
„Morgen Leute“, sagend, laufe ich ihnen mit einem leichten
Grinsen zu.
„Moin“, schallt es mir in einem freundlichen Ton entgegen.
An sich bin ich ein relativ stiller Mensch im Austausch mit anderen, aber ich unterhalte mich auch gerne, wenn jemand an einem Gespräch interessiert ist. Ein Gespräch lehne ich auch nur in seltenen Fällen ab, wenn das Gegenüber mir zum Beispiel zu bieder und antipathisch erscheint. Ansonsten gehe ich in der Regel nicht oft auf fremde Leute zu um eine Konversation zu starten.
Vielleicht kann man mich nicht gerade als durchschnittlich bezeichnen oder so, aber eigentlich bin ich ein grundanständiger Kerl. Es kümmert mich wenig, wie andere mich empfinden oder was sie von mir halten. Das ist ein Problem, das nichts mit mir zu tun hat. Es ist vielmehr deren Problem, nicht meines.
Viel Nennenswertes gibt es von der Schule nicht zu berichten. Ich bin eben nur da, um da zu sein. Eine leere Hülle, die dahin geht, wo die Menschenflut sie hinschlägt. Zuhause angekommen, verfalle ich in die mir bekannte Muster zurück. Ich ziehe mir lockere Kleidung an, Shorts und T-shirt, lege mich ins Bett und mache Einaudis „Una Mattina“ an, um mich von der mentalen Folter zu erholen, die mir die Schule Tag für Tag zusetzt. Nach außen hin versuche ich immer einen relativ guten Eindruck zu hinterlassen. Ich möchte andere Leute einfach nicht mit meinen persönlichen Problemen belasten. Mein Innenleben kennt keiner. Nur ich kenne es. Aber wenn ich über mich selbst nachdenke, gerate ich manchmal leicht in Verwirrung. Immer wieder stolpere ich über das Paradox der uralten Frage „Wer bin ich?“. Sicher gibt es keinen anderen Menschen auf der Welt, der über so viele Informationen über mich verfügt wie ich, der mehr über mich erzählen könnte als ich. Aber wenn ich von mir erzähle, kommt es unweigerlich dazu, dass ich als Erzähler durch verschiedene Faktoren, wie meine Wertvorstellungen,
meine emotionalen Eigenarten und meine Perspektive als Beobachter, mein
erzähltes Ich beeinflusse und beschneide. In welchem Maß entspricht mein von
mir erzähltes Ich überhaupt noch den Fakten? Erzähle ich die Dinge überhaupt
noch aus meiner Sicht? Bin ich überhaupt die Person, die ich denke, die ich bin
oder habe ich ein verzerrtes Bild von meiner eigenen Person? Diese Fragen haben
mich schon immer beschäftigt. Aber interessiert es denn überhaupt wer wir sind?
Letztendlich sind wir Menschen alle nur ein Mittel zum Zweck um das System am
Laufen zu halten. Wir sind Roboter aus Fleisch und Blut. Ersetzbar. Wertlos.
Wenn wir am Leben sind, unterscheidet uns vieles, aber tot sind wir alle
gleich; Nutzlos gewordene Hülsen. Das Zielprodukt des Systems um verschiedene
Arbeiten und Pflichten täglich gefühllos und mechanisch auszuführen.
Eines Tages nach der Schule
ging ich, das hatte ich schon am Abend des Vortags so geplant, in die Stadt. Es
war ein regnerischer Tag. Ich schlenderte durch die Gegend, sah die Leute im
Gedränge ihrer Kaufsucht. Sah sie lachen. Ziellos irrte ich umher, bis
plötzlich eine alte Dame auf mich zukam. Sie war vom Regen total durchnässt und
leicht am zittern. Sie war ganz in schwarz gekleidet; Schwarzes Gewand,
schwarzer Rock, schwarzes Kopftuch. Nur ihr Gesicht und ihre Hände waren zu
erkennen. Sie konnte sich nicht gut artikulieren, aber das brauchte sie auch
nicht, da ich sie auf Anhieb verstand: „Hunger, Essen“, sagte sie und kam mit
ausgestreckter Hand mit der Hoffnung auf eine milde Gabe auf mich zu.
Gedankenlos und leer wie ich war, ging ich an ihr vorbei, drehte mich nicht um
und lief einfach weiter und weiter, bis ich dann plötzlich, ohne dass ich es
geplant hatte stehen blieb. Etwas in mir hatte sich automatisiert, die
Notbremse gezogen. Ein Moment der Klarheit überkam mich. Was habe ich da gerade
getan? Einer alten gebrechlichen Frau, die total durchnässt im Regen stand und
am zittern war ein paar Euros verwehrt, damit sie sich davon was zu essen
kaufen kann? Habe ich das wirklich getan, bin das wirklich ich gewesen?
Postwendend drehte ich mich im Antlitz meiner geistigen Klarheit um und griff
in meine Hosentasche. Ich ging zu der alten Dame und überreichte ihr das
bisschen Geld, das mir nicht weh tat, ihr aber von großem Wert war. Danach ging
ich wieder im Mantel des Regenschauers fort, erschüttert von meiner
Kaltherzigkeit, von meiner Gefühlslosigkeit und setzte mich auf die Bank,
die vor dem Eingang zur Bahnhofshalle
stand. Ich saß alleine da. Ich weiß nicht, wie lange ich da saß, aber wenn man
nur lange genug in den Regen sieht, ohne einen Gedanken im Kopf, spürt man wie
der Körper sich löst, wie er die Realität abschüttelt. Regen besitzt eine
hypnotische Wirkung. Es ist beinahe so gewesen, als ob es an diesem Tag nur für
mich geregnet hätte. Nur für mich, um mir die Scham der Kaltherzigkeit mit der
ich der alten Dame entgegnete von der Haut zu waschen. Mich von all meinen
Problemen zu säubern.
3.
Am nächsten Tag zuhause angekommen ist wie gewohnt niemand zu Hause. Meine Eltern sind auf der Arbeit und
meine Schwester in der Uni. Sie alle leben ihre Lügen. Ihre einzige Triebkraft
ist ihre Karrieregestaltung, eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, die absolut
keinen Wert hat. Es ist eine absurde Pflicht. Geld und Macht sind alles
Illusionen, die sich in die Köpfe der Zivilisation eingepflanzt haben wie eine
Zecke, um sie geistig Bewusstlos zu machen und zu vergiften, sie zu Handlangern
des Systems zu degradieren. Die Menschen müssen die Sichtweise auf die Dinge
verändern. Sie müssen lernen, dass man nicht immer stark sein muss, sondern
schon allein das Gefühl von Stärke Berge versetzen kann. Der Urzustand des
menschlichen Seins muss wieder in ihren Köpfen Besitz einnehmen, um sie von den
Drogen der globalen Welt und ihrer Abhängigkeit zu befreien. Menschen müssen
erkennen, dass das Leben weitaus mehr zu bieten hat als nur materielle
Besitztümer und Geld.
Die Welt dieser Leute befindet sich in einem derart befremdlichen
Zustand, in dem ich mir wünsche sterben zu können. Es ist so als ob ich über
den Dingen schweben würde und sehe, wie der Fluss seine Richtung ändert.
Mein Kopf überdreht sich jedes Mal wenn ich mir diese
Tatsachen versinnbildliche. Zahlreiche Verbindungen scheinen ob dem diametralen
Verhältnis von Realität und Wirklichkeit zu überlasten und zu überhitzen. Ich
breche zusammen. Ich kann es nicht verstehen und vor meinen Augen wird’s
schwarz. Die Welt zieht ihre Jalousien runter vor der Wahrheit. Ich lebe ein
Leben im Schein und in der Lüge. Das System mit dem Gemeinschaftsszwang der
Sozietät zieht mich in ihren Strom ein. Ihre Ideale kennen keine Gnade und
jedes Fünkchen Bestrebung nach Wahrheit wird brutal niedergeschlagen. Du hast
nur eines zu tun; Arbeite. Lebe nach unseren Normen, nach unseren Idealen. Geld
oder du bist verloren.
Nach einem kurzen Rundlauf durchs Haus gehe ich in mein
Zimmer. Das Zimmer hat einen Eingang und einen Ausgang. Sie sind nicht
austauschbar. Durch den Eingang kann man nicht hinaus, durch den Ausgang nicht
hinein. Das ist so festgelegt.
Gewohnt lasse ich mich auf meinem Bett nieder, welches schon
bei dem kleinsten Anzeichen von Berührung ein Orchester des Quietschens feiert.
Kurzdarauf gehe ich auf die Toilette. Nachdem ich mich erleichtert habe, stehe
ich vor dem Waschbecken und wasche mir die Hände. Ich hebe den Kopf hoch und
schaue in den Badezimmerspiegel. Das da also bin ich. Das bist du. Du hast dich
selbst ruiniert. Du hast dich weit mehr strapaziert, als du glaubst.
Ich wirkte in der Tat etwas kaputter und älter als sonst.
Ich wasche mir im Anblick meines miserablen Zustandes gründlich das Gesicht und
reibe es mit einer Lotion ein. Ebenso gründlich schrubbe ich nochmal meine
Hände, nehme ein frisches Handtuch und trockne mich ab. Anschließend gehe ich
in die Küche, trinke ein Bier und räume dabei den Kühlschrank auf. Mir war irgendwie
danach. Schmeiße verschrumpelte Tomaten weg, stelle die Bierdosen ordentlich
nebeneinander, die Behälter um und mache eine Einkaufsliste für Besorgungen die
demnächst erledigt werden müssen. Milch war z.B. wieder alle.
Nachdem ich dies erledigt habe, räume ich mein Zimmer auf,
das mittlerweile einer Katastrophe gleicht. Ich habe nichts gegen diese
Unordnung, nein, viel mehr fühle ich mich darin wohl. Allerdings bekomme ich
heute Besuch von einer Freundin, die ich mag. Dieses Gefühl ihr gegenüber
übersteigt jedoch ein freundschaftliches Verhältnis, zumindest von meiner Seite
aus. Wie sie das sieht, nun ja, danach habe ich nie gefragt. Neben den
Problemen mit dem System, sowie der Frage nach dem Lebenssinn und dem damit einhergehenden
Problem meiner inneren Zerrissenheit beschäftigt mich ein anderes, banaleres
Problem immens. Und zwar ist es meine Einsamkeit und meine zwiespältige Haltung
ihr gegenüber. Es ist toll, wenn man eine Person hat, der man alles anvertrauen
kann, mit der man gemeinsam lachen und sich austauschen kann, einfach zusammen
glücklich sein kann. Aber Glück ist in dieser Welt zu einer seltenen Saat verkommen,
deren Präsens nur von kurzer Dauer ist und das Risiko nun mal rational
betrachtet schlichtweg nicht wert ist.
Mit einer Beziehung gehen auch Pflichten einher, von denen
ich mich eigentlich aus meiner natürlichen Grundhaltung und meinen Prinzipien
heraus lösen wollte, frei sein wollte. Ich will mich nicht binden, aber will
auch das Glück finden. Ich weiß einfach nicht, was ich will und erst recht weiß
ich nicht, wohin ich mich wenden soll. Wenn ich weiterhin alleine bleibe, bin
ich verloren. Warum müssen die Menschen überhaupt so einsam sein? Wozu soll das
gut sein? Stets sind wir auf der Suche nach der Nähe der anderen und dennoch
sind wir allein. Wozu? Dreht sich der Planet nur, um die Einsamkeit des
Menschen zu nähren? Ich weiß es einfach nicht. Ich habe versucht zu reden, mein
Problem mitzuteilen, diese Trauer und Verwirrung in Worte zu fassen. Doch wie
viele Worte ich auch fand ich konnte mich niemandem mitteilen, nicht einmal mir
selbst, sodass ich es am Ende aufgab. Ich schloss meine Sprache und ich schloss
mein Herz. Tiefe Trauer findet nicht einmal mehr Tränen. Und so kam es, dass
ich sie, Sophia, nie danach gefragt und meine Gefühle ihr gegenüber offenbart
habe.
Meine Klamotten packe ich feingefaltet in meinen Schrank und
die Bücher stelle ich alle wieder geordnet ins Bücherregal, so wie es
eigentlich sein sollte. Ich räume das Bett auf, sauge den Boden, entleere den
Papierkorb. Nachdem ich damit fertig bin, gehe ich in die Küche und bereite was
zu essen zu. Meine Eltern werden bis heute Abend sowieso nicht mehr
wiederkommen und meine Schwester übernachtet bei einer Freundin, weswegen ich
mir sowieso was zu essen machen müsste. Ich hatte mir überlegt Spaghetti Carbonara
zuzubereiten, eine einfache, aber dennoch sehr schmackhafte Speise. Ich habe
mich für eine reduzierte Variante des Gerichts entschieden, da ich auf den
Fettgehalt meiner Nahrung achte und eher fettfrei esse.
Zunächst nehme ich die Spaghetti und koche diese in einem
Topf mit heißem Wasser und einer Prise Salz al dente. Während die Spaghetti
kochen, schneide ich den Rinderschinken in kleine Stücke und hacke die Zwiebel
ebenfalls in kleine Stücke. Beides wird nun in einer beschichteten Pfanne
angebraten, die ich in der geordneten Küche von meinen Eltern auf Anhieb finde.
Auf Grund der Beschichtung der Pfanne kann ich das Öl weglassen. Jetzt muss nur
noch der Parmesan in eine Schüssel gerieben und das Ei getrennt werden, da es
gleich sehr schnell gehen muss. Sobald die Nudeln al dente sind, gieße ich
diese ab und gebe sie, ohne sie vorher abzuschrecken, in die heiße Pfanne. Hier
werden sie mit dem Schinken vermischt und die Pfanne abschließend vom Herd
genommen. Jetzt muss ich nur noch das Parmesan und das Eigelb darüber geben und
kurz vermengen, sowie noch etwas mit Pfeffer und Petersilie würzen. Fertig ist
das Gericht.
Es war jetzt drei Uhr Mittag und um vier wollte Sophia
kommen. Genug Zeit um noch eine Dusche zu nehmen. Nachdem ich mich meiner
Klamotten entledigt habe, steige ich in die Dusche. Als ich fertig bin, trockne
ich mich mit dem Duschtuch ab, ziehe mir eine Jeans und ein T-Shirt mit einem
weiten round-neck Ausschnitt an, welches ich mir selbst geschnitten habe. Das
T-Shirt war im Laden stark reduziert, weswegen ich es mir auch, obwohl es mir
sicher drei Nummern zu groß kam, gekauft habe. Also nahm ich die Schere in die
Hand und habe das T-Shirt kürzer geschnitten. Nun sitzt es zwar etwas lockerer,
aber genau das mag ich. In engen T-Shirts komme ich mir vor wie ein Mann im
Käfig.
4.
Es war jetzt viertel vor Vier. Ich hatte länger unter der
Dusche verbracht, als ursprünglich geplant. Unter der Dusche verliere ich immer
jegliches Zeitgefühl, als wenn ich in eine andere Welt eintauche, die mit
dieser Welt nichts zu tun hat. Die Haare konnte ich nun vergessen. Ist allerdings
auch nicht weiter tragisch, dann setz ich mir eben den Beanie auf. Fast zeitgleich mit dem Aufsetzen der Mütze
schellte es an der Tür. Noch bevor der Klang der Klingel vollkommen erlischt,
stehe ich schon unten vor der Tür und öffne sie. Es war Sophia, wie erwartet.
Wer sollte es auch sonst gewesen sein? Schließlich leben wir in einem Land, wo niemand unangemeldet vor der
Tür steht, bevor er nicht im Vorfeld sein Kommen durch Briefzustellungen oder
Anrufe mindestens drei Wochen vorher vorangekündigt hat. Unwichtig.
„Hallo Sophia“, sage ich und bitte sie reinzukommen.
„Hi Chris“, sagt sie und fügt beiläufig noch im selben
Atemzug hinzu: „ Hast du schon die neusten Neuigkeiten gehört?“
Es war genau diese Art von Sophia, zu der ich eine besondere
Affinität entwickelt hatte. Sie redet nicht gerne um die Dinge herum sondern
stößt direkt zum Thema. Unter anderem ist es genau dieses Charakteristikum, das den meisten Menschen über die Jahre hinweg
abhanden gekommen ist. Jedenfalls hatte ich die Tage leider keine Nachrichten
gucken können und wusste nicht worauf Sophia abzuzielen vermochte. Ich konnte es
auch nicht irgendwie herleiten oder vage Vermutungen anstellen.
„Nein, habe die Tage leider wenig Fern geguckt und die
Presse, sowohl Print, als auch im Netz habe ich ziemlich vernachlässigt. Was
gibt es denn zu erzählen?“
Ohne, dass ich es bemerkt hatte, hatte sich Sophia bereits
schon in den Räumlichkeiten eingefunden und ihrer Jacke entledigt die sie nun in
den Händen hielt.
„Schmeiß die Jacke
einfach irgendwohin. Solange ich hier alleine Zuhause bin, wird das in diesem Haushalt nicht so
genaugenommen.“
Schmunzelnd schmeißt sie ihre Jacke auf den grünen Vintage-Sessel
der im Flur stand. Meine Eltern hatten ihn dahingestellt, vermutlich aus
Bequemlichkeitsgründen um sich die Schuhe im Sitzen besser anzuziehen. Aber wer
weiß das schon.
„Hast du Hunger? Ich habe Spaghetti Carbonara gekocht und
dachte wir essen was zusammen.“
„Ehrlich gesagt habe ich heute noch nichts gegessen und bin
schon ein wenig hungrig“, sagte sie und rundete ihre Aussage mit einem ihr typischen
Lächeln ab.“
Als wir in der Küche sind mache ich uns beiden zwei Teller
fertig und stelle sie auf den Tisch. Aus dem Kühlschrank hole ich mir eine Dose
Bier.
„Was willst du
trinken Sophia? Wir haben Cola, Bier, Orangensaft und normales Mineralwasser im
Kühlschrank. Freie Wahl.“
„Ich nehme das, was du nimmst. Überrasch mich einfach“
antwortete sie.
Ich nehme also eine weitere Bierdose aus dem Kühlschrank und
stelle beide auf den Tisch, wo Sophia schon Platz genommen hatte. Mit
erstaunlicher Geschicklichkeit entferne ich die Dosenverschlüsse, gieße uns und
ein und nehme einen genussvollen Schluck.
„Was gibt es denn so
dringendes zu erzählen, dass du direkt schon so stürmisch danach fragst?“
„Nun ja, eigentlich ist es nicht so dringend, nur hatte ich
mir auf den Weg hierher so meine Gedanken darüber gemacht und mich etwas
darüber echauffiert. Während der Busfahrt saß ich neben einem Mann der eine
Zeitung las und habe dann natürlich auch einige Blicke auf die Neuigkeiten
erhaschen können. Es wird z.B wieder ein
junges Mädchen vermisst. Das häuft sich schon die letzten Wochen. Egal. Wollte
dir eigentlich nur sagen, dass der Friedensnobelpreis 2012 an die Europäische
Union geht, da ich ja weiß, wie dich solche Themen interessieren.“
Ich musste erst mal ein wenig inne halten um die Information
richtig verarbeiten zu können: „ Na, das sind ja tolle Neuigkeiten. Was kommt
als nächstes? Griechenland mit dem Wirtschaftsnobelpreis? Das können die mir nicht
verkaufen.“
Die Augen auf mich fixiert, isst Sophia die Spaghetti und antwortet mir während sie noch halb am
Kauen ist: „Nun ja, ich find die Meldung jetzt auch nicht so toll. Schließlich
gibt es auf der Welt genug andere Menschen, die tagtäglich ihr Leben für
Frieden, Freiheit und Demokratie riskieren. Da hätte man sicher jemand anderen
finden können, der es wirklich verdient hätte.“
„Absolut richtig. Die EU ist sowieso ein undemokratisches,
auf totale Kontrolle seiner Bürger ausgelegtes, zentralistisches
Bürokratiemonstrum, dem man als rational denkender Mensch nur skeptisch gegenüber
stehen kann. Im Vergleich dazu geht Obama als Mahatma Gandhis narkotisierter
Pudel durch. Und von Kissinger mal ganz zu Schweigen. Die Propagandamaschine
läuft auf Hochtouren, schamloser geht’s nun wirklich nicht mehr. Da werden nun
wirklich die schwersten Geschütze der Gehirnwäsche aufgefahren, damit das Volk
friedensbewegt auch ganz brav die Füße still hält. Das System muss ja erhalten
bleiben und dem Volk überreicht man nun ob der aktuellen Krise eine neue Dosis
Opium.“
„Du siehst die Dinge immer so düster Chris“, sagt sie mit
einem mahnenden Unterton und fügt hinzu: „ Ich meine ich finde die Wahl auch
nicht vollends zufriedenstellend, da sie eben eine gewisse Transparenz
vermissen lässt. Aber du holst immer so weit raus und siehst in allem einen
Angriff auf das menschliche Sein. Klar werden wir von vielen Seiten drastisch
in unserem Tun beeinflusst, aber wir sind noch lange genug Herr über unsere
Sinne. Da haben wir unsere Entscheidungsfreiheit, man muss sie sich nur nehmen.
Weißt du, wenn wir zugeben, dass das menschliche Leben vom Verstand gelenkt
werden kann, dann zerstören wir die Möglichkeit zu Leben. Denk einfach nicht
immer so viel nach, Chris.“
Einige Sekunden Stille. Ich ließ die Worte erst einmal auf
mich wirken, bevor ich antwortete, vor Allem die letzteren Sätze hatten mich
zum Grübeln gebracht.
„Nun, womöglich hast du vielleicht gar nicht mal so unrecht.
Ich denke dieses düstere Denken, wie du es nennst, ist tief in meiner Natur
verankert. Du musst wissen, dass ich tagelang meinen Kopf über ein einziges
Thema zerbreche und es gedanklich in all seine Bestandteile, Möglichkeiten und
Hintergründe durchkaue. Ich will kein Thema auf seiner scheinbaren Wahrheit
belassen. Denn die Vergangenheit hat oft genug gezeigt, dass düstere
Vorahnungen immer eine höhere Trefferquote hatten als gute. Da kann man solche
Meldungen nicht auf der ersten Metaebene auffassen und naiv durch die
Weltgeschichte spazieren. Ich hoffe ich konterkariere damit nicht dein Denken.“
Sophia, in ihre Spaghetti Carbonara vertieft, schien mir
wohl gar nicht mehr oder wenn überhaupt, nur selektiv Gehör zu schenken. Ich
lenke das Thema ab und stelle zum vorigen Thema eine verhältnismäßig eher
plumpe Frage: „ Und schmeckt dir meine Spaghetti Carbonara? Habe ich nach
eigenem Rezept gekocht.“
An einer Spaghetti ziehend, sag sie: „ Ja, sehr! Kochen
scheint dir sehr gut zu liegen. Können auch sehr gerne zusammen was kochen, ich
bin selber nämlich eine leidenschaftliche Köchin. Kannst ja mal die Tage
vorbeischauen, meine Eltern sind verreist.“
„Sehr gerne. Ich koche auch ziemlich oft, bin aber auch
unter anderem dazu gezwungen, weil meine Eltern lange arbeiten. Sie lassen mir
zwar immer etwas Geld hier, damit ich mir was davon kaufen kann, aber ich stehe
nicht unbedingt auf den Fraß von Draußen. Da bin ich schon eher spartanischer
und mache mir meine eigene Kost.“
Kurzes Gelächter. Danach sagen wir lange nichts mehr und
essen unsere Carbonara auf.
Nachdem wir aufgegessen haben, gehen wir hoch in mein Zimmer. Sophia drängte allerdings noch darauf, erst mal den Abwasch zu machen, da man dreckiges Geschirr nicht einfach rumliegen lassen soll, weil es angeblich schlechtes Karma ins Haus bringt.
Nachdem wir aufgegessen haben, gehen wir hoch in mein Zimmer. Sophia drängte allerdings noch darauf, erst mal den Abwasch zu machen, da man dreckiges Geschirr nicht einfach rumliegen lassen soll, weil es angeblich schlechtes Karma ins Haus bringt.
„Wer so viel schlechtes Karma wie
ich gesammelt hat, der braucht sich um das bisschen schlechtes Karma wegen dem
bisschen Geschirr nun wahrlich keinen Kopf zu machen“, sagte ich und erstickte
jegliche weitere Diskussion ums Geschirr im Keim.
Ein wenig trotzig eilte Sophia mir
mit schnellen Schritten nach und im Zimmer angekommen bemerkte sie die für
meine Verhältnisse exorbitante Ordnung an: „ Sag mal, du hast doch nicht extra
wegen mir aufgeräumt oder? Das hättest du nun wirklich nicht machen müssen.“
„Nun ja, ich dachte es ist für
einen Gast doch angenehmer in ein geordnetes Territorium zu kommen. Außerdem
war es sowieso mal bitter nötig.“
„Schön hast du’s hier.“
„Wenn ich in meinem Zimmer bin,
mache ich für gewöhnlich immer erst einmal Musik an. Musik füllt den Raum mit
tollen Schwingungen und positiven Energien. Würde es dir was aus machen?“
„Nein gar nicht. Für Musik
brauchst du dir echt keine Genehmigung von mir zu holen.“
Ich mache Ludovico Einaudis Album
an und wir beide setzen uns aufs Bett. Lange verweilen wir so und lauschen
Einaudis „Ancora“, einer meiner Lieblingswerke von ihm. Sophia hat ihre Augen
geschlossen und schwingt, in Gedanken vertieft, leicht ihren Kopf in
rhythmischen Bewegungen zur Musik.
„Wenn ich der Musik lausche, dann
schließe ich auch oft meine Augen. Es gibt dann einfach nichts, was einen
belastet, die wunderbare Qualität der Musik torpediert und sie vor der
völligen, wahren Entfaltung ihrer Magie hindert. Wenn du die Augen geschlossen
hältst, dann bist du im Stand-by-Modus; In einer Zwischenwelt die sich von
dieser grauenhaften Welt emanzipiert hat. Nur du existierst und fliegst sorglos
auf den Klängen der Musik umher.“
„Da ist was dran. Wunderbare
Musik.“
Ohne irgendwelche Vorzeichen oder
Signale legt sich Sophia auf mich und drückt mir ihre Lippen auf meinige. Ich
bin zunächst ganz perplex und erwidere nichts, doch nachdem ich wieder meine
Sinne beisammen habe, lege ich meine Hände um ihr zartes Gesicht und die Dinge
nehmen ihren Lauf...
Nachdem wir dann eine Weile noch
im Bett rumlagen bemerkte ich, dass sie in meinen Armen eingeschlummert war.
Ich konnte nicht schlafen. In meinem Körper
war nicht ein Quäntchen Müdigkeit. Hellwach lag ich da, wie ein
versiegter Brunnen. Ich hielt Sophia eng umschlungen und schlief, ohne es zu
bemerken, dann doch irgendwann ein. Die Müdigkeit überkam mich unerwartet plötzlich
und gewaltig wie eine große Lawine.
Als wir aufwachen ist es kurz nach Acht und die Nachtdämmerung bricht
allmählich herein. Ich begleite sie noch zur Tür und gebe ihr die Jacke, die
sie auf den Sessel geschmissen hatte.
„Weißt du, ich…“, doch bevor ich
irgendetwas sagen kann, unterbricht sie mich: „ Du brauchst nichts zu sagen. Danke
für den schönen Tag. Und vergiss nicht, du kommst die Tage noch zu mir rüber um
gemeinsam zu kochen. Dass du mir das bloß nicht vergisst.“
„Ich werde mich drum bemühen“, sagte ich schmunzelnd und mit
leichtem Zwinkern.
„Ahja, eins noch: Sei nicht immer so ein Miesepeter. Das,
was vor uns liegt kann gestaltet werden. Es ist nicht unser unabänderliches
Schicksal. Vergiss das nie.“
Und wie ihre Worte mich empfangen, verschwand sie auch
schon. Ich weiß nicht wie ich das alles einordnen soll und laufe wieder nach
oben in mein Zimmer und lege mich ins Bett für ein weiteres kleines Schläfchen.
Mich hatte eine größere Müdigkeit erfasst.